Grand Départ - mehr als ein paar Tage Radrennen

Katja Meier in ihrem Büro in Leipzig

Foto: Oliver Killig

2029 jährt sich die Friedliche Revolution zum 40. Mal – und genau dann soll die Tour de France in Berlin und Mitteldeutschland starten. Katja Meier ist eine Unterstützerin der ersten Stunde. Im Interview erzählt sie, warum der Tourstart für sie weit mehr ist als ein Sportereignis, was das Projekt schon heute in den Regionen bewegt und was 2029 bleiben soll.

Die Tour de France soll nach Deutschland geholt werden. Was war dein erster Gedanke und wie kam es zur Verknüpfung zum Projekt? 

Mich hat die Idee von Anfang an begeistert. 2023 haben wir angefangen, darüber nachzudenken, ob es nicht möglich wäre, den Grand Départ nach Sachsen zu holen. Mit dieser Idee sind wir auf den französischen Botschafter zugegangen, haben dort viel Unterstützung erfahren und im September 2024 schließlich einen Brief an die ASO nach Paris geschickt.

Für mich war dabei von Anfang an klar: Das darf nicht nur ein großes Radrennen sein. 2029 jährt sich die Friedliche Revolution zum 40. Mal. Sachsen war mit Plauen, Leipzig, Dresden und vielen weiteren Orten einer ihrer zentralen Schauplätze. Das Fahrrad wiederum steht wie kaum ein anderes Verkehrsmittel für Freiheit, Bewegung und Begegnung. Die Tour de France, 1989, Europa und die deutsch-französische Freundschaft zusammenzubringen – das fand ich damals schon unglaublich reizvoll.

Richtig Fahrt aufgenommen hat das Ganze dann mit der Gründung des Grand Départ Allemagne e.V. im Jahr 2024. Der Verein hat die Bewerbung über Sachsen hinaus weitergedacht, unglaublich viele Menschen und Partner zusammengebracht und sie seitdem mit enormer Energie und Leidenschaft vorangetrieben. Aus unserer ursprünglichen Idee für Sachsen ist so Schritt für Schritt ein viel größeres Gemeinschaftsprojekt für Berlin und Mitteldeutschland geworden. Zu sehen, was der Verein daraus gemacht hat und wie viele Menschen inzwischen an diesem Ziel mitarbeiten, begeistert mich wirklich. Dass wir heute tatsächlich die Chance haben, 2029 die Tour de France hier zu erleben, ist schon ziemlich großartig.

Aus einer Vision könnte Wirklichkeit werden: Die Tour de France startet 2029 in Ostdeutschland. Was würde das für Dich ganz persönlich bedeuten? 

Der Tourstart wäre für mich ein echter Gänsehautmoment. Natürlich auch, weil ich die Idee seit 2023 begleite und weiß, wie weit entfernt das alles am Anfang schien.

Aber inzwischen begeistert mich fast noch mehr, was das Projekt schon jetzt auslöst, obwohl noch gar keine Entscheidung gefallen ist. Menschen schreiben mir, bedanken sich für die Initiative, schicken Ideen und fragen, wie sie mitmachen können. Vereine, Kommunen und Einzelne überlegen, was ihre Region beitragen könnte.

Welche Begeisterung Radsport auslösen kann, war beim European Peace Ride dieses Jahr zu erleben, als unglaublich viele Menschen die Fahrerinnen und Fahrer an der legendären Steilen Wand in Meerane anfeuerten. Und dann stelle man sich einmal vor, durch unsere Region würde tatsächlich das Peloton der Tour de France fahren.

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen große Lust darauf haben, wieder gemeinsam an etwas zu arbeiten, sich einzubringen, auf ihre Region stolz zu sein und anderen zu zeigen, was sie zu bieten hat. Genau das begeistert mich an diesem Projekt genauso sehr wie die Tour selbst.  

Welche Bedeutung haben solche Projekte und Initiativen für die Regionen und vor allem für die Menschen vor Ort? 

Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, welche Kraft ein gemeinsames positives Ziel entwickeln kann. Gerade in einer Zeit, in der sehr viel darüber gesprochen wird, was nicht funktioniert, was verloren geht oder worüber wir uns streiten, kann es unglaublich gut tun, gemeinsam auf etwas hinzuarbeiten.

Bei der Übergabe des BidBooks hat Christian Prudhomme sehr eindrücklich davon erzählt, was es mit Orten und Menschen macht, wenn die Tour kommt: Plötzlich steht ein Ort im Mittelpunkt, Menschen kommen zusammen und zeigen, was ihre Region besonders macht.

Eine aktuelle Studie zur Tour de France zeigt, was diese Aufmerksamkeit bewirken kann. Die Tour verschafft Orten Sichtbarkeit und Anerkennung und kann die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat stärken. Gleichzeitig geht in Kommunen entlang der Strecke die Unterstützung für rechtsextreme Parteien messbar zurück, besonders in ländlichen Regionen und dort, wo die extreme Rechte zuvor stark war. Orte, die sich sonst übersehen fühlen, werden plötzlich sichtbar und als wertgeschätzter Teil einer gemeinsamen Geschichte wahrgenommen.

Das finde ich mit Blick auf Ostdeutschland ausgesprochen spannend. Natürlich ersetzt ein Sportereignis keine gute ÖPNV-Anbindung oder Wirtschafts- und Sozialpolitik. Aber die Tour kann etwas auslösen. Plötzlich schaut die Welt auf unsere Region und auf all das, was wir zu zeigen haben – unsere Landschaften und Städte, Kultur und Industriegeschichte, unsere Radsporttradition und das, was die Menschen hier seit 1989 aufgebaut haben. Entscheidend ist für mich, dass die Menschen dabei nicht nur zuschauen, sondern selbst Teil dieses gemeinsamen Projekts werden. Genau dafür ist das geplante Rahmenprogramm so wichtig und entscheidend.

2029 jährt sich die Friedliche Revolution zum 40. Mal. Warum ist es wichtig, solche Jubiläen und Anlässe in den Fokus zu rücken? 

Weil Erinnerung lebendig sein muss. Menschen in Plauen, Leipzig, Dresden und vielen anderen Orten haben 1989 Mut bewiesen, ihre Angst überwunden und für Freiheit und Demokratie gekämpft. Sie haben damit nicht nur Deutschland, sondern auch Europa verändert.

2029 bietet die Chance, diese Geschichte einer neuen Generation zu erzählen und sie gleichzeitig mit der Gegenwart zu verbinden. Deshalb finde ich die Verbindung mit der Tour de France so überzeugend. Ein französisches Sportereignis, das Menschen aus aller Welt verbindet, startet 40 Jahre nach der Friedlichen Revolution in einer Region, die damals eine Grenze zwischen Ost und West überwunden hat.

Ein Rennen allein würde diesem Anlass aber nicht gerecht. Mit Jugendbegegnungen, Kultur- und Demokratieprojekten, deutsch-französischem Austausch und Breitensport wollen wir Menschen zusammenbringen und die Geschichte von 1989 erlebbar machen. Dann erinnern wir uns nicht nur an 1989, sondern fragen gemeinsam mit einer neuen Generation: Was bedeuten Freiheit, Demokratie und Europa heute?

Und dieses Jubiläum können wir nun einmal nicht verschieben. Also muss es 2029 klappen. 😉

Die Gastgeberregion verfügt über eine große Radsporttradition, lebendige Vereine und viele engagierte Menschen. Welche Chancen siehst Du, diese Strukturen durch ein solches Ereignis nachhaltig zu stärken? 

Die große Chance liegt für mich darin, nicht drei Tage Tour de France zu feiern und danach wieder zur Tagesordnung überzugehen. Der Weg bis 2029 ist mindestens genauso wichtig wie das Rennen selbst.

Wir haben in Sachsen und Ostdeutschland eine großartige Radsportgeschichte – von der Friedensfahrt über traditionsreiche Vereine und Orte bis zum heutigen European Peace Ride. Gleichzeitig gibt es überall Menschen, die Rennen organisieren, Nachwuchsarbeit leisten, Touren anbieten oder einfach mit Begeisterung Rad fahren und ihre Kommune fahrradfreundlicher machen wollen.

Genau diese Strukturen sollten wir bis 2029 stärken und miteinander verbinden. Denkbar sind beispielsweise ein Youth Peloton, deutsch-französische Jugendbegegnungen, Schulprojekte, Breitensportveranstaltungen, gemeinsame Touren, Reparaturcafés, inklusive Radangebote oder Projekte zur Geschichte der Friedensfahrt. Kommunen, Vereine und Verbände, die Deutsche Sportjugend, das Deutsch-Französische Jugendwerk, vom ADFC bis zum ADAC können dabei ganz unterschiedliche Beiträge leisten.

Mein Wunsch wäre, dass 2029 nicht nur Profis kommen, sondern in den Jahren davor überall Menschen sagen: Das ist auch unser Grand Départ und wir machen mit.

Die Tour de France steht für internationalen Spitzensport. Gleichzeitig geht es beim Fahrrad auch um Alltagsmobilität, Klimaschutz und Lebensqualität. Wie können beide Welten voneinander profitieren? 

Da liegt für mich eines der größten Potenziale des Grand Départ. Die Tour kann Millionen Menschen für das Fahrrad begeistern. Aber diese Begeisterung muss anschließend auch im Alltag eine Entsprechung finden.

Sachsen hat beim Radverkehr enormes Potenzial, aber unsere Infrastruktur bildet dieses Potenzial noch lange nicht ab. Viele Menschen würden gern häufiger mit dem Rad fahren, tun es aber nicht, weil ihnen sichere und durchgängige Radwege fehlen und sie sich im Straßenverkehr schlicht nicht sicher fühlen. Gerade für Kinder, ältere Menschen oder Menschen, die nicht täglich Rad fahren, ist das entscheidend.

Um das Radfahren attraktiver zu machen, sind nicht nur diejenigen entscheidend, die ohnehin bei jedem Wetter und auf fast jeder Straße aufs Rad steigen. Viel entscheidender ist die große Gruppe der Menschen, die grundsätzlich gern Rad fahren , dafür aber eine sichere und komfortable Infrastruktur brauchen.

Deshalb gehören Begeisterung für den Radsport und Investitionen in den Alltagsradverkehr für mich zusammen. Sichere Kreuzungen, durchgängige Radwege, gute Verbindungen zwischen den Orten und eine Verkehrsplanung, bei der sich auch ein zwölfjähriges Kind oder eine 70-Jährige sicher aufs Rad setzen können. Das wäre ein echtes Vermächtnis eines Grand Départ.

Die schönste Wirkung der Tour wäre doch, wenn Hunderttausende Menschen 2029 am Straßenrand stehen, sich vom Radsport begeistern lassen und wir gleichzeitig dafür sorgen, dass mehr Menschen anschließend auch im Alltag sicher Rad fahren können, dann profitieren Spitzensport und Alltagsmobilität tatsächlich voneinander.

Stellen wir uns vor, wir blicken im Herbst 2029 auf einen erfolgreichen Grand Départ zurück. Was sollte aus deiner Sicht in der Region geblieben sein – über die Erinnerungen an ein großes Sportereignis hinaus? 

Ich wünsche mir Erinnerungen an ein riesiges Fest, volle Straßen und Bilder aus Sachsen und Ostdeutschland, die um die Welt gegangen sind.

Aber wenn wir im Herbst 2029 zurückblicken, sollte viel mehr geblieben sein: bessere Radwege und mehr Verkehrssicherheit. Gestärkte Vereine und neue Angebote für Kinder und Jugendliche. Deutsch-französische Freundschaften, die über das Tour-Wochenende hinaus bestehen. Vielleicht neue Partnerschaften zwischen Schulen, Vereinen und Kommunen. Und Menschen, die durch dieses Projekt überhaupt erst angefangen haben, sich vor Ort einzubringen.

Am schönsten fände es, wenn etwas von diesem Gefühl bleibe, das ich gerade schon wahrnehme: Wir können gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Wir können stolz auf unsere Region sein, ohne uns abzuschotten. Und wir können anderen zeigen, was für ein großartiger, vielfältiger und europäischer Teil Deutschlands, Sachsen und Ostdeutschland sind. Denn regionale Verbundenheit muss nichts Ausgrenzendes haben. Er kann aus Offenheit, Begegnung und Gefühl entstehen, gesehen und wertgeschätzt zu werden. 

Wenn davon etwas bleibt und hoffentlich auch noch einige neue Radwege, dann wäre der Grand Départ tatsächlich weit mehr gewesen als ein paar Tage Tour de France.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Die Bewerbung zum Start der Tour de France 2029 in Deutschland ist ein aufregender Prozess.
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